Göttinnen um Ötzi

Dr. Hans Haid

Dr. Hans Haid ist Dichter, Querdenker und Sagenforscher. Er war vor der Bergung von "Ötzi" an der Fundstelle der Gletschermumie am Tisenjoch. Er wagt eine kulturelle Einordung des Fundes in das mythologischen Umfeld und stellt den Zusammenhang mit Göttinnen aus den Alpen her.

Dr. Hans Haid
Dr. Hans Haid
Beim Auffinden von Ötzi mit dabei

Seit dem Fund des berühmten Ötzi im September 1991 wissen wir von der ur- und frühgeschichtlichen Bedeutung der Ötztaler Alpen. Von Süden erfolgte die Besiedlung des Ötztales, aus der alten Kulturregion Vinschgau auf dem Weg durch das Schnalstal, aus Meran über das Passeiertal und Pfelderer Tal. Ich hatte das einmalige Glück, am 21. September 1991 gemeinsam mit meiner Frau Gerlinde sowie den beiden Extrembergsteigern Reinhold Messner und Hans Kammerlander samt deren Begleitung die zwei Tage vorher am Tisenjoch ausgeaperte "Gletscherleiche", noch im Eis steckend, sehen zu dürfen. In der Similaunhütte hatte ich für diesen Tag ein Treffen mit Reinhold Messner vereinbart, schon seit Juni 1991. Es gehört zu den wichtigsten, eindrucksvollsten und prägendsten Erlebnissen, dass wir den später Ötzi genannten Jahrtausendfund so hautnah sehen konnten.

Ein Mann verschwand im Eis
In nie geahntem Ausmaß wurden durch diesen Fund die kulturgeschichtlichen Forschungen intensiviert. Ich hatte mich in der Deutung hinsichtlich des Alters des Ötzi am weitesten vorgewagt. Reinhold Messner verwies auf die Zeit von Herzog Friedrich mit der leeren Tasche. Meine erste Datierung reichte zumindest in die Hallstattzeit zurück. Ich hatte aufgrund intensiver Kenntnis der Sagen sofort einen Zusammenhang mit der Sagenwelt der Saligen Frauen gefunden.
Immer wieder berichten die alten Sagen vom "verschwundenen Mann im Hinteren Eis", von einem Hirten oder Jäger, der in das Reich der Saligen vorgedrungen war und der eine von diesen geheimnisvollen Frauen geschützte Gämse schießen bzw. erlegen wollte. Beim Nachlesen in den verschiedenen Sagensammlungen hat es sich dann bestätigt: Dreimal berichten Sagen konkret über das Ereignis, dass ein Mann im Ferner verschwunden ist, immer im "Hinteren Eis", also in der Gletscherwelt des hintersten Rofentales. Immer wieder in den Ötztaler Sagen hören wir von den Saligen Frauen oder Saligen Fräulein. Das hat nichts mit selig zu tun, sondern hat die Bedeutung von leuchtend, strahlend, analog den Sagen von der Salzene in Slowenien.

Dreiheit
Sie treten zumeist als Dreiheit auf. In Meransen/Südtirol werden drei höchst merkwürdige Frauen namens Aubet, Guerre und Cubet verehrt; in Obsaurs im Oberinntal sind es Ambett, Gwerbett und Wilbet. (Gruber, 1978) Es sind das die auch an anderen Orten verehrten Bethen, die hierzulande den "Drei-Jungfrauen-Kult" repräsentieren. Dieser Kult begegnet uns auch bei den Nornen als Schicksalsgöttinnen, ebenso bei den römischen Parzen (Walker, 1993) und schließlich bei den katholischen Heiligen Katharina, Barbara und Margaretha, auch die "drei heilign Madln" genannt. Die Saligen Fräulein gelten in der Sagenforschung auch als "Herrinnen der Tiere", als Beherrscherinnen der Hochregionen der Alpen. Sie sind helfende und auch strafende Gestalten. Sie kommen fallweise von den Bergen herunter, helfen den Bauern, geben Ratschläge, verweisen auf den Gebrauch der Kräuter, vermitteln das Wissen um die Verarbeitung von Milch zu Butter und Käse. Sie können auch Lawinen und Muren auslösen. In der Sagenwelt der Ötztaler Alpen sind sie sehr präsent.

Schaftrieb auf dem Hochjochferner
Erkenntnisse aus der Matriarchatsforschung und Landschaftsmythologie: Gemeinsam mit der prominenten und weltweit tätigen Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth waren wir in den letzten Jahren mehrfach auf Forschungs- und Entdeckungsreise unterwegs. Damit erhielten wir eine völlig neue Sicht auf die älteste Kulturgeschichte der Ötztaler Alpen. Durch Vergleiche mit anderen Regionen der Alpen kann jetzt behauptet werden, dass es sich um eine der reichhaltigsten, altartigsten und wichtigsten Sagen- und Kulturlandschaften handelt. Was in den Sagen und der mündlichen Überlieferung seit Jahrtausenden überliefert ist, wurde in den letzten Jahren, intensiviert durch den Ötzi-Fund, durch naturwissenschaftliche Forschungen und durch Funde bestätigt. Im Raum Vent ist an mehreren Punkten eine 10.000-jährige Nutzung durch Menschen nachweisbar. Seit ungefähr 6000 Jahren ist eine Nutzung durch Beweidung feststellbar. Es ist höchstwahrscheinlich, dass seit dieser Zeit im Sommer große Schafherden aus dem Süden in die innersten Weidegründe des Ötztales getrieben werden. Diese Schaftriebe, auch Transhumanz genannt, sind bis auf den heutigen Tag aktuell. Ungefähr 1900 Schafe ziehen über das Niederjoch (3019 m) und etwa 1500 Schafe ziehen über das Hochjoch (2810 m). Weitere Schaftriebe erfolgten bis 1962 über das Gurgler Eisjoch (3154 m). 1500 bis 2000 Schafe werden über das Timmelsjoch (2478 m) getrieben.

Landschaftsmythologie
Eine weitere Quelle zum Erforschen und Erkennen der ältesten Kultur dieser Region sind die Berg- und Flurnamen. Einige davon gelten als Präindoeuropäisch (Präindogermanisch), beispielsweise Vent und Tisen, aber auch die vielen "Mut"- und "Mal"-Berge, wie z.B. die Mutmalspitze (3522 m). Keinesfalls gedeutet sind die merkwürdig altartig klingenden Bergnamen wie Similaun, Vernagt, Finail, Marzell, Ramol, u.a. Ganz neuartig sind zwei weitere Forschungsbereiche, an denen Frau Göttner-Abendroth entscheidend beteiligt ist. Gemeinsam mit dem Schweizer Kulturforscher Kurt Derungs hat sie den Begriff der Landschaftsmythologie geprägt (Göttner-Abendroth/Derungs, 1999). Erst damit kann es gelingen, das kulturelle Umfeld des Ötzi zu erforschen und zu begreifen. Es ist notwendig, die Landschaft in der Summe von Sagen, mythologischen Vorstellungen, von mündlicher Überlieferung, von Kultplätzen, markanten Bergformen usw. zu erkennen.

Ideologische Probleme
Mit eingebunden in die Landschaftsmythologie ist die Matriarchatsforschung (Göttner-Abendroth, 1988-2000). Dieser inzwischen weltweit anerkannte Forschungszweig ist der Schlüssel für das Wissen um die Frauengestalten der Ötztaler Sagen. Im September 2000 und 2001 hat Göttner-Abendroth auf Tagungen im Schnalstal über diese Forschungen berichtet: "Nun scheint in der heutigen Sichtweise die jungsteinzeitliche Hirtenkultur eine reine Männerangelegenheit gewesen zu sein: nicht nur dass unser Ötzi ein Mann ist, es ist auch sonst nur von Jägern und Hirten die Rede. Die Hirtenwirtschaft stellt man bedenkenlos so dar, wie sie heute ist, nämlich fest in Männerhand. Hier beginnen die ideologischen Probleme. Im Widerspruch dazu stehen Sagenmotive, die genau das Gegenteil zeigen …"  Mit diesen Forschungen haben wir ein neues Tor in die Vergangenheit unserer 10.000-jährigen Kultur aufgeschlagen. Allein die vielen Sagen der Ötztaler und Stubaier Alpen, die von geheimnisvollen Frauen handeln, "weisen darauf hin, dass es vor der Männerwirtschaft eine ältere Kultur gegeben hat, die von Frauen getragen wurde und in der sie in den Alpen die Hirtinnen waren …" (Göttner-Abendroth, 2003, S. 1

Hohler Stein und Kaser
Wenn wir jetzt im Sinne der Landschaftsmythologie die markanten Berge und Gletscher mit einbeziehen, können wir vielleicht ermessen oder erahnen, wie dort die Menschen der letzten Jahrtausende die "Anderswelt" gesehen und erlebt haben. Da steht überaus dominant und prägend der Similaun mit seinen weißen Eis- und Schneewänden, ein mächtiges Trapez mit dem darunter liegenden Marzellferner. Am Fuße dieses Berges, der in der Glaubens- und Vorstellungswelt der Ötztaler wie der Schnalstaler gleich dominant ist, entspringt das Wasser, das Leben. Auffallend ist weiters, dass sich fast alle kleineren und größeren "Kult"-Stationen mit Schalensteinen, Menhiren, Steinkreisen usw. an den alten Transhumanz- und Wanderwegen der Schafe befinden. Das gilt auch für die beiden Stationen Hohler Stein und Kaser im Niedertal bei Vent wie von der Schneckenhütte im Tisental.

Urmutterstein
Die Kaser stellt sich für Göttner-Abendroth dar als ein Ensemble "von Gestaltungsformen aus der Megalithkultur, von denen schon eine einzige ausreichen würde, um diesen Ort zu einer heiligen Stätte zu machen: stehender Stein oder Menhir, dolmenartiger ruhender Stein, umbauter Platz, Steinkreise und heilige Quelle … Deshalb dürfen wir diesen ruhenden, besonders betonten Stein auf der Kaser auch als einen Ahnfrauen- oder Urmutterstein betrachten. (…) Die große Bedeutung dieses Urmuttersteins geht auch daraus hervor, dass gleich daneben ein rechtwinkeliger, aus Platten gebauter Platz liegt, an beiden Seiten durch Felsblöcke begrenzt. Er hat im hinteren Teil eine dreistufige Plattenreihe wie eine Sitzbank, die mit kleinen Menhirplatten in Abteilungen untergliedert ist." (Göttner-Abendroth, 2003, S. 26 und 30)

Die verwunschene Alm
Ähnliche Anlagen hat die Forscherin in anderen Teilen der Welt erforscht, beispielsweise auch den Khasi, einem heute noch teilweise matriarchalen Volk in Assam/Asien. Ich habe schon in meinem Buch "Mythos und Kult in den Alpen" von einer Sage berichtet, die an der Kaser anzusiedeln ist und von der "verwunschenen Alm" handelt. Die Sage berichtet davon, dass eine Familie auf dem Weg ins Schnalstal und den Vinschgau wegen Schlechtwetter nicht weitergehen konnte. Die Hirten hatten aber kein Erbarmen mit der Familie und verwiesen sie mit harten Worten vor die Tür. Sie mussten nass und frierend in den Schafpferch. In der Nacht wurde das dritte Kind geboren. Die Almleute jagten die Familie mitsamt der schwachen Mutter und dem Neugeborenen weg von der Hütte. Daraufhin erfolgte der Fluch: "Das Gras dieser Alm soll kein Rind mehr nähren."  Die Sage erinnert in dieser Variante stark an die Weihnachtsgeschichte rund um das Geschehen im Stall von Bethlehem.

Geheimnisvolle Frauen
Wir können jetzt davon ausgehen, dass der Ötzi in einer matriarchal geprägten Kultur gelebt hat und dass diese Kulturepoche um 3300 v. Chr. noch eindeutig präindoeuropäisch geprägt war. Wir können auch davon ausgehen, dass die Sagenstoffe rund um die geheimnisvollen Frauen zumindest ebenso alt sind wie "unser" Ötzi selbst. Ich will jetzt einige Sagen aus den Ötztaler Alpen vorstellen, die von weiblichen Gestalten und Persönlichkeiten geprägt sind. Dabei ergeben sich mehrere Gruppen von teilweise sehr geheimnisvollen Frauen.

Eduard von Badenfeld
Salige Fräulein kommen in den Sagen der Ötztaler Alpen sehr oft vor, mehr als in anderen Bergregionen der gesamten Alpen. Sie sind bis heute sehr präsent. Fast jedes Kind, zumindest im mittleren oder hinteren Teil der Täler, kennt die Saligen. Von Längenfeld taleinwärts erscheinen sie vor allem in den Sagen. "Die drei wilden Frauen am Ferner" und "Die drei Saligen Fräulein" (Sagen und Geschichten, S. 106 ff.). Bereits 1825 hat der Wiener Kulturforscher und Schriftsteller Eduard von Badenfeld als Besonderheit des Ötztales diese Sagen erwähnt: "Auf den höchsten Alpen, an der Gletscher Eisgrenze, wohnen drei Feyen, die der Thalbewohner unter dem Namen der wilden oder seligen Fräulein verehrt … Ihre Leutseligkeit und Menschenliebe beweisen sie, indem sie die Hütten der armen Thalbewohner manchmal in allerlei angenommenen Gestalten besuchen, die edle Armuth prüfen, und, wenn sie es verdient, durch reiche Gaben oder weise Rathschläge helfen."

Wilhelmine von Hillern
Im Jahre 1896 hat der Tiroler Schriftsteller und Forscher Adolf Pichler in seinem Buch "Kreuz und quer" die Lebendigkeit und Aktualität der Sagen bestätigt. Adolf Pichler berichtet auch davon, wie es nach der Badenfeld-Publikation von 1825 im Ötztal einen regelrechten Aufstand und sogar den Gang zum Gericht gab, weil sich "aufgeklärte" Ötztaler gegen diese angeblich diskriminierenden "Märlein" wehrten. Es seien lediglich bunte Lügengeschichten, die in dumme Bücher kommen. Die Sagen waren und blieben aber lebendig und wichtiger Bestandteil der Ötztaler Kultur. Das bestätigt auch Ludwig Steub in seinem Reisebuch "Drei Sommer in Tirol" von 1895. Das bestätigt auch Wilhelmine von Hillern in ihrem Erfolgsroman "Die Geierwally". Sie schreibt von den Saligen Fräulein, die durch "weite und endlose Gänge von Eis hindurch" wallen, die in einen großen Saal kommen. "Da spielten weiße, schneeglitzernde Mädchengestalten in wallendem Nebelschleier mit einer Herde Gemsen, und es war lustig anzusehen, wie sie sich neckten mit schnellfüßigen Tieren … Das waren die Töchter Murzolls, die saligen Fräuleins des Ötztals." In den Jahren um 1885 bis 1890 erschien dieser Roman in Fortsetzungen in italienischer Übersetzung und wurde in Italien ein Bestseller.

Alfredo Catalani
Von diesem Stoff begeistert, begab sich der junge Komponist Alfredo Catalani ins Ötztal, um an Ort und Stelle, also in Sölden, Vent, am Marzellferner und am Fuße des Similaun zu recherchieren. Dann entstand die Oper "La Wally", ein sehr erfolgreiches und populäres Werk der Operngeschichte. Sie wurde vor ein paar Jahren auch im Rahmen der Bregenzer Festspiele am See aufgeführt. Eine der populärsten Arien fand sich im Repertoire von Maria Callas. In der Oper begegnen wir auch den Saligen. In einer Arie treten sie auf: "Ah, sono, ohime, le fanciulle beate / Ah, di bianchi ghiacciai sono le fate" (Da sind sie, ach, diese saligen Mädchen, ah, vom eisigen Schneefeld sind es die Feen). Die vom hartherzigen Vater in die Eiswelt des Marzellferners verbannte Wally sucht Zuflucht und Hilfe bei den Saligen.

Ernst Krenek
In den Jahren 1920 und 1922 verbrachte der Komponist Ernst Krenek (1900-1991) mehrere Wochen in Vent. Dort kam ihm die Idee zur Schaffung einer neuen Oper unter dem Titel "Jonny spielt auf". Die Erlebnisse einer Besteigung des Similaun sind in seinen Lebenserinnerungen "Im Atem der Zeit" nachzulesen. Die Überschreitung der weiten Fernerflächen versetzte ihn in einen "einzigartigen fieberhaften Zustand, der zu den Empfindungen gehört, nach denen ich mich seither sehne", schreibt Krenek. In der Oper soll ein Frauenchor als "Stimme des Gletschers" erklingen. Ganz offenbar sind es die Saligen, die helfen sollen, diese geheimnisvollen Frauen im Kristallpalast der Ferner. Ernst Krenek kannte die Sagen der Saligen. Er las viel bei seinen mehrwöchigen Aufenthalten. Wir wissen, dass er mit größtem Interesse die auf der Schutzhütte aufliegenden Jahrbücher des Alpenvereins gelesen hat.

Scharfer Kontrast
Die "heile" Welt der Saligen steht in scharfem Kontrast zur brutalen Eroberung bzw. Erschließung der Gletscher für den Massentourismus, den Skilauf, die spektakulären Events der Touristiker von Sölden. Die geheimnisvolle "Anderswelt" wird zur Ware. Trotzdem bleiben die Sagen lebendig, zumindest noch in dieser heutigen Generation.

Die Göttin Dana
Nicht minder spannend ist die Erforschung eines weiteren Komplexes weiblicher Sagengestalten der Ötztaler Alpen. Wir sind auf der Spur der sehr alten, mediterranen Göttin Dana, Danai oder Tanna, die "durch die allmähliche Ausbreitung der jungsteinzeitlichen Mittelmeerkultur auf dem ganzen Kontinent überall in Europa vorkommt" (Göttner-Abendroth, 2003, S. 22), einmal als Danai in Kreta, als Tuatha de Danaan auf den britischen Inseln, als Namensgeberin von Dänemark (das Land der Dana) sowie der Donau.

Dörfer unter den Gletschern
In den Sagen der verschwundenen Städte unter dem Eis leben die Frauengestalten fort. Die Stadt Tanneneh liegt unter dem Gurgler Ferner und unter dem Grafferner, die Städte Donanä und Onanä liegen unter dem Langtauferer Ferner und dem Vernagtferner. Das gemeinsame Sagengut des hinteren Ötztales, des hinteren Schnalstales und des Langtauferer Tales bewahrt die Erinnerung an die alte Göttin Dana.
Die aus Südtirol stammende, aber in Australien lebende Claire French-Wieser hat zum ersten Mal 1999 in einem längeren Beitrag in der Südtiroler Zeitschrift "Der Schlern" auf diesen Zusammenhang von Sage und jungsteinzeitlicher Muttergottheiten hingewiesen. Die Sage hat einen wahren Kern. Unter den Gletschern liegen zwar nicht sagenhaft reiche, goldene Städte, sondern höchstwahrscheinlich eher kleine Almsiedlungen oder kleine Dörfer der Jungsteinzeit. Keinesfalls stehen dahinter Untergangsszenarien des Mittelalters. Die Kultstätten der Göttin Dana bzw. Ana lassen uns einen Zeitraum von mindestens 5000 oder 6000 Jahren erahnen. Nachweisbar können Sagen und mündliche Überlieferung über einen so langen Zeitrum hinweg tradiert werden.

Anna und Mut
Mit der Dana hängt auch Ana bzw. Anna zusammen, als Mutter oder Muttergottheit. Das steckt z.B. auch im Bergnamen Annapurna. An der alten Route der Schaf-Transhumanz über das äußerst beschwerliche Gurgler Eisjoch (3154 m), durch das lange Pfossental und herüber nach Obergurgl ragen zwei Berge mit bemerkenswerten Namen: die Hohe Wilde (3482 m) und der Annakogel (3336 m). Bis zum Jahre 1962 wurden über dieses extremste aller Transhumanz-Jöcher der Alpen Schafe getrieben. In Verbindung damit stehen Sagen und Katastrophen. Während auf Ötztaler Seite mehr der Name Hochwilde gebräuchlich ist, so gilt der Berg für die Passeirer, vor allem von Pfelders, als besonderer Berg, als heiliger Berg und heißt konsequent die Hohe Wilde. Also steht eine (heilige) hohe (wilde) Frau dahinter. In dieser engeren Region Pfelders / Gurgl hat nur noch ein weiterer Berg einen eindeutig weiblichen Namen. Es ist die Hohe Mut, der bekannte Ski- und Aussichtsberg. Der Bergname "Mut" wird neuerdings in vergleichenden Forschungen mit Graubünden und den Westalpen näher untersucht. Er gilt als präindoeuropäischer Bergname. Auf vielen dieser "Mut"-Berge (in Graubünden Muotta) fanden sich urgeschichtliche Siedlungen und Kultstätten.

Anhängerinnen der Dana und/oder Disen
Was geschah wirklich mit dem Ötzi? Am 19.9.1991 hat ihn der Ferner freigegeben. Höchst unsicher ist die Bedeutung einiger Fundstücke beim Ötzi. Neben den bekannten Ausrüstungsgegenständen wurde nachträglich auch eine Silexklinge gefunden. Wozu hat die umgehängte Kette samt Lochstein wirklich gedient? Nur annähernd geklärt ist die Funktion der Tätowierungen. Wissenschaftler sehen darin eine hohe alte Kunst der Akupunktur tausend Jahre vor den Chinesen. Vor allem ist nicht einmal annähernd geklärt, warum der Körper aus dem Eis so komplett einheitlich an Bauch und Rücken, vorne und hinten mumifiziert werden konnte. Neuerdings neigen Forscher dazu, dass möglicherweise eine "rituelle Hinrichtung" vollzogen worden wäre. Der amerikanische Archäologe Johan Reinhard gehört dazu (Fleckinger, 2002, S. 4Cool.). Meine These geht dahin, dass der Ötzi in bereits mumifiziertem Zustand auf dem Tisenjoch rituell bestattet wurde. Möglicherweise von Frauen - von Saligen oder von Anhängerinnen bzw. Begleiterinnen der Dana oder Disen?

Tisenjoch
Einen möglichen Zusammenhang mit dem matriarchalen Umfeld und Lebensraum des Ötzi gibt uns wieder Göttner-Abendroth. Der Ötzi lag nicht am Hauslabjoch, sondern am Tisenjoch (ca. 3200 m). Der Name dieses Joches fehlte auf amtlichen Karten Österreichs, daher verwendete man den Namen des benachbarten Hauslabjochs für die Ötzi-Fundstelle. Für die Einheimischen ist es ein sehr markanter Übergang, der dann gewählt wurde, wenn das Niederjoch wegen zu starker Vereisung nicht begehbar war (wie z.B. um 1600, um 1675-1680, um ca. 1843-1850). Auch die Schafherden zogen dann über das Tisenjoch. Bisher wurde dieser Berg- bzw. Flurname vorindoeuropäisch gedeutet, konnte aber letztlich nicht erklärt werden. Göttner-Abendroth erkennt in diesem Namen den Zusammenhang mit einer sehr wichtigen prähistorischen Muttergottheit (Göttner-Abendroth, 2003, S. 37).

Drei Schicksalsschwestern
"Der volkstümliche Name Tisenjoch ist in diesem Zusammenhang wichtig, denn ‚Tisen' ist eine Bezeichnung, die in dieser Gegend immer wieder vorkommt. Sie entspricht dem Wort Disen. (Die Einheimischen sprechen Tisen außerdem wie Disen aus.) Die ‚Disen' oder ‚Idisen' oder ‚Diessen' waren die drei Schicksalsschwestern im südgermanischen Glauben, obwohl sie mit Sicherheit eine vorgermanische Göttin-Triade darstellen, ähnlich wie die Drei Bethen, Drei Matronen oder die Drei Saligen."
Schließlich vermutet Göttner-Abendroth: "Der Platz der Schicksalsschwestern würde zu einem Sakralbegräbnis also durchaus passen. Dazu passt auch die gründliche Mumifizierung …"

Thron der Weißen Göttin
In unmittelbarer Nähe ragt der 3606 m hohe Similaun empor, der "Thron der Weißen Göttin", ein "heiliger Berg" in den Ötztaler Alpen. So sehen bzw. sahen ihn vor allem die Schnalser, die Vinschger und die Hinter-Ötztaler. Dazu noch einmal Göttner-Abendroth: "Wir dürfen deshalb den Similaun als die dominante Landschaftsgöttin dieser Täler betrachten, als die lokale Weiße Göttin der frühgeschichtlichen Hirtenkultur matriarchaler Prägung, die in dieser Alpenregion beheimatet war" (Göttner-Abendroth, 2003, S. 29).

Zürnende Bergfee
Nicht nur Salige Frauen, die Dana und Disen leben in der Gletscherregion der Ötztaler Alpen. Im Zusammenhang mit der Beschreibung des Untergangs der sagenhaften Stadt Donanä unter dem Langtauferer Ferner wird auch von einem merkwürdigen Paar berichtet, einem alten Harfenspieler und seiner singenden Tochter. Weil Beschwörungen und fromme Lieder nichts nützten und die hartherzigen Bewohner nicht von ihrem lasterhaften Leben abließen, erschien "im Leuchten der Blitze die riesige Gestalt der zürnenden Bergfee". Diese schrie unerbittlich ihre Drohung: "Dananä! Dananä / Weh Dir, Weh! / Schneib zu - / Aper nimmermeh!" Eine Bergfee. Eine Salige? Eine Dana?

Von Hexen und weisen Weibern
Zweimal wird in den Sagen der Ötztaler Alpen eine alte Frau erwähnt, die sich als wetterkundig erweist, die den Hirten und Schaftreibern Ratschläge gibt. Es wird überliefert, dass die Männer beim Übertrieb der Schafe über das Gurgler Eisjoch einem alten Weiblein begegneten, das "im warmen Sonnenschein mit dickwollenem Wintergewand angetan, vor Kälte zitterte". Und sie soll gerufen haben: "O Mandr husch husch!" Es ist geschichtlich erwiesen, dass die Schaftriebe mehrmals in schreckliche Schneestürme gerieten und dass mehrfach Schafe, aber auch Treiber und Hirten elendiglich im Schnee umkamen. So geschah es auch am 19. Juni 1844. Damals kamen 200 Schafe und ein Mann aus Gurgl zu Tode.

Die Hexe vom Niederjoch
Ein viel schrecklicheres Ereignis geschah viel früher. Dazu fand ich aber keinen schriftlichen Beleg. Es wird vom Tod von über 1300 Schafen und elf Männern berichtet. Die Männer waren durch die geheimnisvolle alte Frau gewarnt worden. Die Sage "Die Hexe vom Niederjoch" erwähnt zwar den gefährlichen Schafweg über das Gurgler Eisjoch, verlegt aber die Handlung auf das Niederjoch (3019 m). Dort taucht plötzlich beim Schaftrieb die Alte auf und warnt die Hirten: "Ihr Buben flieht, flieht so schnell es geht, ein Schneesturm naht." Dann geschah es wirklich, dass ein gewaltiger Schneesturm losbrach. "Die Herde ging zugrunde. Von dreizehn Hirten fanden nur zwei den Heimweg ins Schnalstal; die anderen wurden tot aus den Schneemassen geborgen. Einige hielten noch das letztgeborene Lämmlein schützend in den Armen." (Sagen und Geschichten, S. 212 f.) In der Gurgler Pfarrchronik heißt es dazu: "Und jenes alte Weib, eine Hexe, habe das Wetter gemacht". War diese alte Frau wirklich eine Hexe?

Unsere liebe Frau
Weitere Spuren führen im Schnalstal und Passeiertal zu Frauen mit übernatürlichen Kräften. Im uralten Tisenhof im Schnalstal oberhalb von Vernagt wird die Kopie eines Votivbildes aufbewahrt, das auf ein Ereignis und eine wundersame Rettung hinweist: "1694 hab ich Schaf über das Joch getrieben und bin unversehens in eine Fernerkluft gefallen, deshalb hab ich mich zu Unser Lieben Frau allhier mit diesem Täfele verlobt, alsdann unverletzt und gnädlich herausgezogen worden." (Haid, 1992, S. 162) Der Schafhirt hatte sich zur Madonna in der Wallfahrtskirche von Unser Frau im Schnalstal verlobt. Diese Wallfahrtsstätte hat große regionale Bedeutung. Die christliche Umdeutung einer möglicherweise älteren weiblichen Kultstätte liegt nahe.

Zwei weitere Frauen
Die Sage "Weiße Frau ernährt verlorenengegangenes Kind" weiß aus dem Passeiertal zu berichten, dass ein dreijähriger Knabe spurlos verschwunden war. Nach mehreren Tagen wurde er gefunden. Er habe keinen Hunger gehabt. Eine weiße Frau habe ihm zu essen gegeben. Aus diesem Knaben wurde ein starker Mann, der Kirner Toni, der stärkste Mann der Gemeinde (Sagen und Geschichten, S. 171). Auf der Pfandler Alm im Passeiertal soll eine geheimnisvolle Frau gehaust haben. Als Männer aus dem Tag in die Hütte kamen, saß sie dort als Sennerin auf der Bank. Sie kochte ein Mus, "teiflisch a guets". Die Männer hatten keine Angst. Sie aßen von dem Mus. Damit war sie erlöst (Sagen und Geschichten, S. 171).

Hexenstein
Ein mächtiger Felsblock neben dem Kleinbiotop auf den Gandellen-Wiesen bei St. Leonhard im Passeier heißt der Hexenstein. Nach der mündlichen Überlieferung diente der jetzt mitten aus den Wiesen herausragende Felsblock der "Vorsteherin der Hexenzunft" als Ort der Orgien, "denen sich die Hexen jeweils am Hexensabbat hingaben und die einer Schönen aus St. Leonhard zum Verhängnis wurden". In dieser verkürzten und sicherlich verfälschten Weise hat der Passeirer Chronist Heinrich Hofer den alten Sagenstoff zuletzt im Blatt A-11 der archäologischen Wanderwege wiedergegeben. Eigenartig ist dabei der Umstand, dass dieser mächtige Felsblock nie weggesprengt wurde, angesichts der beinahe radikalen Umgestaltung der nutzbaren Mähwiesen. Bemerkenswert ist auch, dass dieser Felsen ein Dreieck bildet mit der Leonhard-Kirche sowie mit der uralten Kultstätte St. Hippolyt oberhalb von St. Leonhard. Die "Verhexung" dieser uralten Kultstätte steht hier neben der Verchristlichung, verbunden mit der männlichen Umformung.

Seejungfrauen und Wilde Fräulein
Eher atypisch für die Hochgebirgsregion ist die Sage von der Seejungfrau, der Pfott. Eine dieser Jungfrauen lebte am Schiefersee oberhalb von Pfelders und andere lebten hoch droben in den Spronser Seen. Pfott ist der Dialektausdruck für Mädchen oder Jungfrau. Sie wurden mehrmals bei den Seen gesichtet, "mit langen Haaren bis auf den Boden und mit flossenähnlichen Füßen". Die Pfott habe manchmal Menschen, die sich ihr näherten, zugewunken und sie in den See hineingelockt. Es wird berichtet, dass sich das zuletzt im Jahre 1912 zugetragen haben soll (Sagen und Geschichten, S. 169). Bei den Spronser Seen befinden sich Brandopferplätze, zahlreiche Schalensteine, offensichtlich alte Kultplätze. Es kann also der Schluss gezogen werden, dass auch hier eine alte Wirkungsstätte matriarchaler Strukturen vielleicht der Jungsteinzeit zugrunde liegen könnte.

Die Wilden Fräulein
Ein sehr vielfältiger und überaus geheimnisvoller Sagenkomplex um weibliche Gestalten sind die besonders im mittleren und hinteren Teil des Ötztales häufig zu findenden Sagen rund um Wilde Fräulein in Höhlen und Felsen. In Christian Falkners "Ötztaler Buch" finden sich unter anderem die Sagen "Ein wildes Fräulein heiratet einen Bauern", "Die wilden Fräulein im Gamizlöch", "Die wilden Fräulein in Sölden", "Die wilden Fräulein auf Hamrach" u.a.

Falsche Fragen
Immer wieder begegnet uns das weit verbreitete Motiv von den hilfreichen und zugleich auch strafenden Wesen. Im besten Fall kommen sie aus den Höhen zu den Bauern (den Jung-Siedlern am Beginn der Sesshaftigkeit), geben ihnen Ratschläge beim Heuen, beim Buttern, bei der Nutzung von Heilkräutern. Manchmal wird eines dieser Mädchen geheiratet. Immer aber hat sie dann Bedingungen gestellt: Gewisse Fragen nach ihrem Herkommen dürfen nicht gestellt werden. Sie darf einige Geheimnisse nicht preisgeben. Andernfalls verfällt der Zauber, endet die fruchtbare Zeit, endet das Zusammenleben. Dann verschwindet die Wilde auf Nimmerwiedersehen und nimmt die Kinder mit. In der Sage von Hamrach heißt es beispielsweise: "Der Bauer vermehrte seinen Viehstand, in Feld und Acker, in Haus und Stall hatte er Glück und Segen." Als sie dem Bauern riet, er müsse sofort das unreife Korn schneiden, fragte er verärgert: "Ja, warum denn?" Da verschwand sie. (Sagen und Geschichten, S. 87)

Fräulasloch
Auch im Windachtal bei Sölden, das bereits zu den Stubaier Alpen gehört, gibt es - so berichtet Falkner - einen Fräulaskofel und darunter ein Fräulasloch. Diese Lokalitäten sind auch in der Alpenvereinskarte 1:25.000 Hochstubai angegeben, genau neben dem alten Steig zum Bildstöckljoch und hinüber ins Stubaital. Mit Hilfe von Einheimischen konnten wir auch die Höhle lokalisieren und von unten her fotografieren. Sie ist schwer zugänglich, etwa vier Meter hoch und mehrere Meter tief. Sie kann eine alte Wohnstätte gewesen sein. Bemerkenswert ist auch, dass in der Nähe einer der markanten Schalensteine des Ötztales gefunden werden konnte.

Alter Wohnplatz
In der Sage "Gurgl in alten Zeiten" heißt es: "Droben im Königstal, wo man übers Joch zur Seeber-Alm ins Passeier übergeht, sieht man heute noch in der Mitte des Kares einen kleinen Bühel aus großen Steinen. Da soll einst eine gut eingerichtete Höhle gewesen sein, in der Wilde Fräulein gehaust haben …" (Falkner, 1963, S. 103 f.) Unsere Spurensuche hatte auch hier überraschenden Erfolg. Tatsächlich befindet sich dort ein mächtiger Steinhaufen, durchaus als alter Wohnplatz vorstellbar. Es ist ein sehr markanter Platz, von dem aus Sichtkontakt zu mehreren geheimnisvollen Plätzen gegeben ist.

Unbekannte Frau auf Luibis
In Längenfeld fand ich die Sage über die "unbekannte Frau auf Luibis" (Sagen und Geschichten, S. 60 f.). Christian Falkner erwähnt die Sage "Die drei geheimnisvollen Weiber" von Huben im Ötztal (Falkner, 1963, S. 56 f.) und berichtet auch vom Frauenstein in Längenfeld. Mit dem sagenhaften Vorhandensein der Wilden Fräulein wird wieder eine Türe aufgemacht zu neuen Deutungen und Zusammenhängen.

Die Sage von der Langtüttin
Die geheimnisvollste und eigentümlichste Frauengestalt in der Sagenwelt der Ötztaler Alpen ist die inzwischen in der Sagenforschung berühmte Langtüttin. Es ist, wie der Name schon andeutet, eine Frau mit langen Brüsten. Solche Frauengestalten kennen wir überaus zahlreich unter anderem aus steinzeitlichen Statuetten. Hier tritt sie leibhaftig vor uns. Faszinierend ist ihr Wesen, ihre ganze Erscheinung. Die Langtüttin ist in dieser Ausprägung einmalig in der Sagenwelt zumindest der Alpen, möglicherweise Europas. In den hintersten Refugien der Berge hat sie sich erhalten. Wir kennen bisher zwei Varianten dieser Sage aus dem Passeiertal und eine aus dem Schnalstal. Ignaz Vinzenz Zingerle hat die Sage zwischen 1850 und 1857 veröffentlicht. In dieser Fassung habe ich sie in das Buch "Sagen und Geschichten aus den Ötztaler Alpen" übernommen.

Milch und Eiter
"Die Langtüttin, von ihren Brüsten so genannt, war ein hässliches Weib, das den Kindern nachlief und ihnen die Brüste bot, aus deren einer Milch, aus der anderen Eiter floss. Einst lockte sie ein Knäblein von acht Jahren zu sich, und gab ihm die Brust, bereitete ihm ein Lager und fragte es: ‚Michele, willst du Nockelen essen?' Als das Kind die Frage bejahte, nahm sie unter einem Stein den schönsten Teig hervor und kochte ihm damit die besten Nudeln. Sie hatte auch ein gar wundersam ausgeschmücktes Kämmerlein und eine kleine Küche mit herrlichem Gerähte … Die Langtüttin hatte auch ein kleines Mädchen bei sich, das spitzige Schühlein trug, deren Spuren man heutzutage noch sieht."

Der Wilde Mann und die Langtüttin
In einer Variante, die in der Sage "Der Wilde Mann und die Langtüttin" ebenfalls von Zingerle überliefert ist, wird sogar die Lokalität angegeben: "Die Langtüttin und der Wilde Mann kamen oft im Pillerberg, Laner genannt, dort, wo jetzt noch der weiße Stein liegt, zusammen. Vom Ferner bis zu dieser Stelle machten sie nur drei Schritte. Noch sieht man vom Wilden Mann die eineinhalb Spannen breiten Fußstapfen. Sein Stecken drückte dem Sesselstein, an dem er lehnte, eine solche Vertiefung ein, dass sie eine große Rinne scheint …" Eines Tages verschwanden beide. Beide Sagen bergen eine ganze Reihe von Hinweisen auf Schalensteine sowie auf das Nähren und Füttern - Hinweise auf die Fruchtbarkeit. Die Langtüttin ist - wie kann es anders sein - zu einem "hässlichen alten Weib" umgemodelt worden. Das kleine Mädchen mit den spitzigen Schühlein könnte weitere Rätsel aufgeben.

Das Los
Der Vinschgauer Sagensammler Robert Winkler hat uns die Variante "Die Langtüttin" in der folgenden Form übermittelt (Sagen und Geschichten, S. 213). "Auf dem großen Ötztaler Ferner sitzt eine Hexe, die ‚Langtüttin' genannt. Die Alte hat vor langer Zeit mit dem ewig herumirrenden Schuster gelost, wer von den beiden um die Welt herumziehen, oder ewig auf dem Ferner sitzen soll. Das Los verdammte bekanntlich den Schuster zu immerwährender Wanderung um die Welt und die boshafte Hexe zur Fernerhut. So ist sie gezwungen, dort zu sitzen bis zum Jüngsten Tag."

Heilige Frauen und die christliche Wallfahrt
Da wäre zur Komplettierung noch ein weiterer Frauen-Bereich zu nennen. Es sind die Entstehungslegenden von Wallfahrtsorten, die der Mutter Gottes, der Lieben Frau geweiht sin. Ich nenne beispielhaft drei Marienwallfahrten in den Ötztaler und Stubaier Alpen: Maria Hilf im Sulztal (geographisch in den Stubaier Alpen, aber Teil des Ötztals in der Gemeinde Längenfeld); Kaltenbrunn im Kaunertal und Unser Frau im Schnalstal. Alle drei Orte bergen unerklärbare Geheimnisse, die sicherlich vorchristlich sind bzw. muterrechtlich sein könnten. Der katholischen Wallfahrtsideologie sind diese Fakten suspekt.

Gries im Sulztal
Über die Entstehung der Marienwallfahrt von Gries im Sulztal gibt das im Jahre 1654 gemalte Fresko Auskunft. Ein fremder Pilger kam nach Gries, traf dort den Bauern Georg Falkner und fragte ihn, was der große Steinhaufen neben dem Bauernhof bedeuten würde. Sie wollten dort eine Kapelle bauen, erhielt der Pilger zur Antwort. Sie sollen dort "kein Kapell, sondern ein Kirchl Bauen, dan darin würd Maria Hilf Rasten." Neuere Forschungen der Geobiologie bestätigen den "starken" Platz dieser Wallfahrtskirche.

Tischgroßer Stein
Die Wallfahrt von Kaltenbrunn im Kaunertal gehört zu den wichtigsten Tirols. Neben der bereits bekannten und immer wieder publizierten Entstehungslegende rund um einen mächtigen Steinblock und neben einer Quelle ist eine merkwürdige Geschichte überliefert: "Zu dieser Zeit sahen auch Bauern, die im Walde oben arbeiteten, Pilgerfahrten mit einer roten Fahne nach Kaltenbrunn ziehen. Solche Kreuzgänge, denen eine weißgekleidete Jungfrau das Kreuz voraustrug, wurden von mehreren Personen in Gesichten vorausgeschaut …" Tatsächlich existiert an der Decke der Kirche eine kleines Fresko mit diesem Motiv; allerdings mit einer ganzen Schar weiß gekleideter Frauen. Sie kamen von oben herunter. Wir dürfen darin eine Erinnerung an die Wilden Fräulein erkennen, an die Saligen, an andere geheimnisvolle Frauengestalten.
Ein zusätzliches Element macht diese Wallfahrt so bedeutungsvoll. Der Entstehungslegende liegt das Motiv der Fruchtbarkeit zugrunde, wenn es heißt: "Lange vor der Erbauung der abgebrannten Gnadenkapelle - im frühen Mittelalter - sahen Hirten auf einem tischgroßen Stein eine Muttergottesstatue, um die Roggen und Weizen wuchs, der vom weidenden Vieh unberührt blieb." Wir haben neben dem Hinweis auf einen Schalenstein bzw. einen Art Altarstein (vergleiche auch die Kaser bei Vent) auch die klare Zuordnung zur Frau, hier als Muttergottes, sowie zur Fruchtbarkeit (Jäger, 1969).

Ort einer Mutter-Gottheit
Unser Liebe Frau in Schnals beeindruckt auf vielfache Weise. Besonders markant ist der Platz auf dem Felsen. Der Schnalser Hobbyforscher Hansi Platzgummer von Vernagt hat eine ganze Reihe von Bezugspunkten zwischen dieser Kirche und verschiedenen markanten und von dort einsehbaren Stellen mit Schalensteinen und Menhiren gefunden. Auch die Ötzi-Fundstelle am Tisenjoch ist von dort zu sehen. Direkt an der Kirchenmauer befindet sich einer der wichtigsten Schalensteine des Tales. Die Entstehungslegende wird in einem alten Lied überliefert. Dieses Lied kündet unter anderem von der Madonna (Sagen und Geschichten, S. 221 ff. und 229 ff.): "Da oben auf felsiger Haide / Erblicken sie mütterlich mild / Mitten im dicken Gestäude / Mariä jungfräuliches Bild". Die christliche Wallfahrt ist bis ungefähr 1300 zurückzuverfolgen. Zugrunde liegt zweifelsfrei eine alte vorchristliche Kult- bzw. Kulturstätte, höchstwahrscheinlich ebenfalls Ort einer Mutter(-Gottheit).

Mündliche Überlieferung
Unerschöpflich gestaltet sich die Spurensuche. Die wenigen Hinweise sollen den Blick in diesen nahezu unbekannten und geheimnisvollsten Teil der Alpen-Kultur öffnen. Die extreme Rückzugslandschaft der Berge hat einen unglaublichen weiblichen Sagenschatz bewahrt. Zugleich sind die Sagen Dokumente einer mehr als 5000- oder 6000-jährigen Kontinuität mündlicher Überlieferung, lebendiger Glaubens- und Mythenvorstellung von jungsteinzeitlicher Kultur bis zur katholischen Wallfahrt, von den Saligen bis zur Mutter Gottes. Durch die "mütterliche" Annäherung an unsere Region, die wir Heimat nennen, bekommt sie eine neue Dimension: voller Wärme und als Inbegriff lokaler Identität.